Weihnachtliche Geschichten


(Wenn Engel reisen) 1. Forts.
(geschrieben von Paisuma)


Daniel rang nach Worten und brachte schließlich ein empörtes „Entschuldigung, was geht Sie das eigentlich an!“ hervor, das ohne Stottern wohl souveräner geklungen hätte. Ich ruderte zurück. „Tut mir leid, dass ich so heftig reagiert habe. Ich wäre jetzt auch lieber zu Hause, wissen Sie. Aber es schneit nun einmal, da kann man nichts machen. Da kann niemand etwas dafür. Wenn wir uns aufregen, das macht es nur schlimmer.“ Daniel schob trotzig das Handy auf der Tischplatte hin und her. „Stimmt eigentlich. Da haben sie recht.“ Ein Fingerschnipsen versetzte das Handy in eine Pirouette. „Ich find´s… es ist halt unheimlich frustrierend. Ich hab eh nur zwei freie Tage und dann… alle sind jetzt schon daheim und ich sitze hier fest.“ – „Glauben Sie mir, Daniel, für mich ist es genauso frustrierend wie für Sie. In dem Moment, wo wir hier sitzen, schmücken die Kinder gerade den Christbaum.“ Daniel lächelte. „Bei mir daheim wahrscheinlich auch gerade.“ – „Also, seien Sie mir nicht böse.“ - „Sie können ruhig Du zu mir sagen. Ich bin ja noch jung“, erklärte Daniel fröhlich und ich fühlte mich wie hundert. Dann schob er in einer vertraulichen Geste beide Hände zu mir über den Tisch. „Und Sie mir auch nicht. Darf ich Sie zu etwas einladen? Zur Versöhnung?“ Und dann wieder dieses Lächeln. In den fünf Minuten, in denen ich an diesem Tisch saß, hatte ich schon zweimal ein herzliches Lächeln gesehen. Das waren zwei mehr, als ich von diesem ganzen Abend erwartet hätte. „Gern!“ sagte ich spontan. Und schaute mich um in die Runde von Business-Class-Zombies. „Aber nicht hier“. Daniel schaute sich zweifelnd um, wägte die relative Sicherheit der Business Lounge gegenüber dem Unterhaltungswert ab, sich ein bisschen umzuschauen und beschloss: „Ok, gehen wir.“

Um ehrlich zu sein, der Sicherheitsbereich von Gate 71 am Düsseldorfer Flughafen hat so viel Unterhaltungswert wie die Fußgängerzone von Mönchengladbach am Sonntagmorgen. Trotzdem fanden wir ein Café mit Blick auf die Rollbahn, und gönnten uns hervorragende Fleischpflanzerl (die hier irgendwie anders hießen) und ein Glas Rotwein. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig ich war. Irgendwie hatte ich immer noch damit gerechnet, zu Hause ein Weihnachtsessen zu bekommen, aber das konnte ich wohl vergessen. Wir schauten aus den großen Glasfenstern und nippten an unserem Rotwein. Hinter unseren verschwommenen Spiegelbildern fielen romantische, dicke Schneeflocken, erbarmungslos und unablässig, fielen auf die Tragflächen, die Rollbahnen, die Gepäckwagen. Weiße Weihnachten. Na super.

Daniel duzte mich inzwischen selbstverständlich und erzählte mir von seiner Familie und von diversen vergangenen Weihnachten, als würde er mich schon zwanzig Jahre kennen. Er hatte Brüder im Alter meiner Kinder, und schon bald waren wir in Anekdoten versunken und vergaßen für einen Augenblick unsere missliche Lage. Ich fühlte mich richtig wohl und war ein bisschen betrunken. Daniel holte eine weitere Runde Rotwein. Wir betranken uns, nachdem an diesem Abend sowieso nichts anderes übrig blieb. Daniel warf einen Blick auf unser Spiegelbild auf der Glasscheibe und kicherte. „Man könnte uns für Mutter und Sohn halten.“ Ich schaute mir die Figuren an. Eine grauhaarige, hoch gewachsene Geschäftsfrau mit einer strengen Goldrandbrille und daneben… eben Daniel. Seine Gesellschaft machte wirklich alt. „Eher wie Mutter und Tochter“ antwortete ich und Daniel haute mir seine Handtasche gegen den Hinterkopf, dass mir schwindelig wurde. Eine erneute Durchsage riss uns aus unserer ausgelassenen Stimmung. „… leider immer noch keine Starterlaubnis“ hörten wir. „… schlechte Witterungsbedingungen“ hieß es. Mein Herz sank. Ich schaute Daniel an, der geistesabwesend in die Luft starrte, irgendwo in die Richtung, aus der die unbarmherzige Stimme kam. Für einen Augenblick sah er völlig verloren aus. Dann erwachte er wie aus einer Art Trance und schüttelte ungeduldig und ungläubig den Kopf.

Ich schaute aus dem Fenster, vor dem immer noch die dicken, harmlos aussehenden Flocken wirbelten. Zuhause kamen sie jetzt wahrscheinlich alle aus der Kirche und die dicken Schneeflocken würden auf den Kirchenvorplatz fallen und auf die riesigen Tannenbäume vor dem Pfarrhaus. Der Vater würde ein bisschen Schnee von der Windschutzscheibe machen müssen. Hoffentlich hatten sie nicht vergessen, die Beleuchtung von der kleinen Pinie im Garten einzuschalten. Und den Schwippesbogen mit dem Wackelkontakt. Die Miezi würde schon ungeduldig und durchgefroren vor der Tür warten. Und dann… dann wollte ich eigentlich die Geschenke einpacken und das Gemüse für das Raclette schneiden. Mir war zum Heulen zumute.


(Forts.
HIER)

 

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