Weihnachtliche Geschichten


(Wenn Engel reisen) 4. Forts.
(geschrieben von Paisuma)

Die jungen Trainees mit den hübschen blonden Strähnchen schauten sehnsüchtig zu uns herüber und wären auch gern betrunken gewesen. Als die Musik verstummte, applaudierte die Broker-Clique grölend, nur einer schrie „Buuuuh!“ Daniel kniff die Augen zusammen. „Tu´s nicht“, sagte ich, und zupfte ihn am Ärmel, aber er war schon aufgestanden, und startete mit hocherhobenem Kopf und so gerade, wie es ihm nur irgend möglich war, auf den Übeltäter zu. „Hassdu ein Problem?“ fragte er und alle Zombies lauschten in gespanntem Schweigen. „Dann komm nach vorne und mach es besser.“ Daniel griff die Hand des jungen Mannes und zog. Der schaute wie vom Blitz getroffen, aber seine Riege grölte, Freigetränke-beseelt: „Markus! Markus! Markus! Markus!“ Markus konnte nicht anders und stolperte hinter Daniel in den Schein des Lufthansabaumes. Ich klickte auf Track 2 und wand dem unglücklichen Markus das Textheft in die Hand. Was soll man sagen. Rudolph wäre sicherlich blass um die Nase geworden. Aber der unglückliche Delinquent kämpfte sich tapfer durch die Geschichte vom noch unglücklicheren Rentier, angefeuert von den unartikulierten Lauten seines Kollegenkreises, und erntete am Ende tosenden Applaus. Bei „Jingle Bells“ sang fast der ganze Saal mit. Werbegeschenks-Plätzchen wurden brüderlich geteilt. Ein älteres Anwaltsehepaar schenkte seinen letzten Glühwein aus einer Thermoskanne in kleine Pappbecherchen. Ich blätterte auf die letzte Seite des kleinen Heftchens. „Die Weihnachtsgeschichte“, sagte ich halblaut. „Die Weihnachtsgeschichte!“ rief Daniel und klatschte in die Hände. Aufgeregt riss er mir das Heftchen aus der Hand. „Zum Heiligabend gehört die Weihnachtsgeschichte!“ krähte er und das Stimmengewirr verstummte. Daniel setzte sich auf das Köfferchen und begann zu lesen. „Und es begab sich aber zu der Zeit…“ Er stolperte über den Statthalter Quintilius und seine hohe, etwas gequetschte Stimme war sicherlich nicht die eines Erzählers, aber die anderen Reisenden fanden die Situation sensationell, zum ersten Mal an diesem Abend war es in der Business Lounge ganz still und alle lauschten andächtig der Geschichte von der Familie, die Weihnachten nicht zuhause feiern konnte. Die überhaupt das lausigste Weihnachten ihres Lebens hatte. Und allen war es egal, dass es in der Zeit, als die Geschichte niedergeschrieben wurde, noch überhaupt kein Weihnachten gegeben hatte. Als Daniel geendet hatte, hörte man nur ein leises Rascheln und Raunen, und ich beschloss, dass noch etwas ganz dringend zu Weihnachten dazugehörte. Track 7 war der Richtige, und alle erkannten das Lied sofort. Niemand brauchte ein Textheftchen, als alle um den Baum herumrückten und „Stille Nacht“ sangen.

Nein, in diesem Moment gab es keine Durchsage, dass unser Flug zum Einsteigen bereit stand. Das wäre zu kitschig gewesen. In Wirklichkeit standen wir noch eine Stunde lang herum und tranken billigen Sekt. Daniel und ich baggerten vergeblich um die Wette den tapferen Markus an. Die dicken Syndikusse tauschten Visitenkarten und begutachteten Fotos von den Kindern, oder von ihren Autos, aus der Ferne war das nicht zu erkennen. Die Broker isolierten die jungen Trainee-Frauen von der Herde und machten Beute. Nein, in Wirklichkeit waren wir schon todmüde, als endlich jemand vom Bodenpersonal uns zum Abflug rief.

Im Flugzeug tranken wir weiter, aber konnten eigentlich nicht mehr. Zehn Minuten fiel Daniels Kopf auf meine Schulter. Eine Haarsträhne kitzelte in meiner Nase. Ich schaute aus dem Fenster. Wir flogen unter den hohen Schneewolken und unter uns lag kristallklar die Nacht im Lichtermeer. Die Städte lagen wie Lichtinseln in der Dunkelheit, verbunden mit unzähligen Perlenschnüren, bis an den Horizont. Die Nacht sah aus wie eine riesengroße Weihnachtsdekoration. Daniel lehnte schwer und warm auf meiner Schulter und ich gab endlich meiner Schläfrigkeit nach. Weihnachten war zu Ende.

 

 

© Danielwelt 2004 Zur Danielwelt-Startseite Zum Danielwelt-Forum Impressum